Vorteile durch Ergonomie am Arbeitsplatz: Eine Win-Win-Situation

10. Jun 2015 item Redaktion

Dipl.-Ing. Marius Geibel ist Experte für ergonomische Arbeitsplatzsysteme und Produktmanager bei der item Industrietechnik GmbH in Solingen. Wenn es um die Effizienz industrieller Arbeitsplätze geht, wird der Faktor Ergonomie oft übersehen, sagt unser Arbeitsplatz-Experte Marius Geibel im Interview.

Dipl.-Ing. Marius Geibel ist Experte für ergonomische Arbeitsplatzsysteme und Produktmanager in unserem Hauptsitz in Solingen. Im persönlichen Gespräch betont er besonders die Pluspunkte der Ergonomie. Damit lassen sich am Arbeitsplatz nämlich gleich drei Vorteile erzielen: Indem belastende Bewegungen vermieden werden, steigen Effizienz und Motivation – und der Krankenstand sinkt. Für alle Seiten ist dies ein deutlicher Gewinn. 

Ergonomie ist ein sehr weiter Begriff. Warum sollten Unternehmen sich damit beschäftigen?

Gesundheitsschutz ist eine gesetzliche Anforderung. Aber das sollte nicht die wichtigste Motivation sein. Ergonomisch eingerichtete Arbeitsplätze können Zeit einsparen, die Fehlerquote reduzieren und den Krankenstand senken. Wer das Optimum für sein Unternehmen erreichen möchte, sollte sich mit dem Thema beschäftigen.

Ergonomie klingt nach Komfort für die Arbeitnehmer. Geht es um das Wohlfühlen?

Oft wird Ergonomie mit überflüssigen Kosten für eine Wohlfühloase gleichgesetzt. In einem ganzheitlichen Ansatz ist aber die Steigerung der Produktivität ein integraler Bestandteil der Definition von Ergonomie. In der Praxis gehen Ergonomie und Effizienz eine Symbiose ein. Wer nicht unnötig belastet wird, arbeitet motivierter und bringt bessere Leistung. Ergonomie stellt den Erhalt der Arbeitskraft auf Dauer sicher. Gleichzeitig begegnet man so auch erfolgreich dem vieldiskutierten demographischen Wandel. Davon profitieren die Mitarbeiter durch mehr Gesundheit und das Unternehmen durch mehr Effizienz. Eine Win-Win-Situation.

Ergonomie steigert die Effizienz? Wie lässt sich das belegen?

Wenn überflüssige oder unnötig belastende Bewegungen entfallen, dann schont das die Ressourcen Zeit und Kraft. Der interne Warenfluss ist hier das beste Beispiel: Manuelle Fertigung benötigt Materialbereitstellung ohne Wartezeiten. Wenn bei der Anlieferung hohe Kanten und schweres Heben vermieden werden, geht die Bereitstellung schneller und belastet weniger. Das nennt man Ergologistik, die Synthese aus Ergonomie und Logistik. Arbeitsplätze sollten für verschiedene Logistik-Konzepte vorbereitet sein, etwa den Wechsel von der Einzelmontage zur Fließfertigung, passend zu den Produktanforderungen. Ein modulares Arbeitsplatz-system macht es möglich, Tische, Transportwagen und Rollenbahnen über einen langen Zeitraum mit der höchsten Effizienz zu nutzen, ohne die Mitarbeiter unnötig zu belasten.

Kann man auch die konkreten Vorteile von Ergonomie beziffern oder nachweisen?

Die meisten Effekte wirken langfristig, dafür aber umso nachhaltiger. Daher ist eine exakte Validierung nicht einfach, weil man einzelne Faktoren nicht wie im Labor klar trennen kann. Die Studie „Vorteil Vorsorge (PDF)“ von Booz & Company und der Felix-Burda-Stiftung geht als Ergebnis einer Befragung von einem Return on Investment von mindestens 1 zu 5 aus. So viel Rendite bringt keine Geldanlage. Ergonomie lohnt sich.

Vorzüge und Besonderheiten der Ergonomie am Arbeitsplatz 

Wie aufwändig ist es, Arbeitsplätze ergonomisch zu gestalten?

Der Aufwand richtet sich danach, inwieweit Ergonomie bereits als Teil der Unternehmenskultur etabliert ist. Oft sind es bereits kleine Schritte, die große Wirkung zeigen. Neben der Reduzierung krankheitsbedingter Ausfalltage gehen ergonomische Verbesserungen nahezu immer mit einer Prozessoptimierung einher. Wenn man anfängt, die richtigen Fragen zu stellen, müssen es nicht unbedingt große Umbauten sein, um einen spürbaren Effekt zu erreichen. Es gibt einen Praxisleitfaden mit Maßnahmen, die man einfach umsetzen kann, um ergonomische Prinzipien bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen zu berücksichtigen.

Woran erkennt man, ob ein Arbeitsplatzsystem tatsächlich ergonomisch ist?

Ergonomie ist kein Produkt, sondern das Ergebnis zahlreicher Maßnahmen. Für Unternehmen ist es in der Regel lohnender, die professionelle Bewertung einem Experten zu überlassen. Dafür gibt es gute Angebote wie unsere Ergolyse. Das ist eine Kombination aus Ist-Analyse sowie konkreten Vorschlägen für mehr Ergonomie und verbesserte Abläufe. 

Eine gute Orientierung bieten auch Institutionen wie die Aktion Gesunder Rücken e. V. Sie geben Empfehlungen zu unabhängig zertifizierten Hilfen wie zum Beispiel ergonomisch optimierten Arbeitsplatzsystemen.

In der „Bürowelt“ setzt man schon lange auf kombinierte Sitz-/Steharbeitsplätze. Lässt sich diese Methode auch in der industriellen Fertigung anwenden?

Selbstverständlich, hier profitieren die Mitarbeiter ebenso von den bekannten Vorteilen. Überall, wo es der Prozess zulässt, sollte man den Wechsel zwischen sitzender und stehender Tätigkeit am Arbeitstisch ermöglichen. Höhenverstellbare Arbeitstische machen es möglich.

Schließen sich Stabilität und Verstellbarkeit von Tischen in der Praxis nicht aus?

Prinzipiell hat im Produktionsbereich die Stabilität einen höheren Stellenwert. Aber mit der richtigen Antriebs- und Linearführungstechnologie sind bei höhenverstellbaren Arbeitstischen keine Einschränkungen zu erwarten.

In welchen Bereichen drohen noch Gefahren für die Gesundheit oder die Leistungsfähigkeit? Und wie kann ein ergonomisches Arbeitsplatzsystem hier helfen?

Gerade im industriellen Umfeld ist die Arbeit von manuellen Tätigkeiten geprägt, die oft wiederholt werden. Der Mitarbeiter hat wenig Auswahl, welche Haltung er dabei einnimmt. Das führt schnell zu schmerzhaften Zwangshaltungen. Umso mehr ist der Arbeitgeber in der Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, wo immer es geht, die Arbeit an den Menschen anzupassen, statt umgekehrt. Entscheidend ist die individuelle Ausrichtung von Material-, Werkzeug- und Informationsbereitstellung, Beleuchtung etc. an die Proportionen und Fähigkeiten des Arbeiters. Bediene ich mich bei der Arbeitsplatzgestaltung eines Baukastensystems, eröffnet das ungeahnte Möglichkeiten der Adaption sowohl an den Mitarbeiter als auch an den Produktionsprozess.

Sind ergonomische Arbeitsplätze automatisch auch behindertengerecht?

Nicht unbedingt. Schließlich bedürfen diese Mitarbeiter einer besonderen Aufmerksamkeit bezüglich ihrer kognitiven und/oder physischen Einschränkungen. Beim Einsatz eines modular aufgebauten Arbeitsplatzsystems habe ich natürlich viel mehr Freiheiten, um dies zu berücksichtigen als bei „Stangenware“. Im Sinne der Inklusion gilt hier wie überall: Der Mensch ist das höchste Gut jedes Unternehmens.

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