Karl Heinz Döppler im Interview: KMUs sind im Vorteil

20. Jan 2015 item Redaktion

Wie verbreitet ist der Lean-Gedanke in Deutschland? Was sind die größten Herausforderungen bei der Etablierung von Lean? Welche Trends gibt es im Bereich Lean Production?

Fragen, auf die Karl Heinz Döppler, Herausgeber von LEANmagazin.de und geschäftsführender Gesellschafter der Döppler.Team GmbH, eine Antwort weiß.

Hallo Herr Döppler, wie weit ist Ihrer Einschätzung nach der Lean-Gedanke auch in Deutschland in der industriellen Praxis angekommen?

Karl Heinz Döppler: Hier gibt es sowohl branchenspezifisch wie auch unternehmensspezifisch noch sehr große Unterschiede. Natürlich hat sich der Lean-Gedanke vorwiegend über die Automobil-, dann Automobilzulieferer- bis hin zur Investitionsgüter-, Chemie- Lebensmittel oder Medizintechnikindustrie ausgebreitet. Mittlerweile hat sich der Lean-Gedanke auch - an der einen oder anderen Stelle - in Behörden, Verwaltungen oder im Gesundheitswesen herumgesprochen. Lassen Sie es mich diplomatisch formulieren: Der Lean-Gedanke ist sicherlich in der industriellen Praxis in Deutschland angekommen, die notwendigen Konsequenzen, die in den einzelnen Unternehmen daraus gezogen werden sollten, sind leider noch sehr heterogen.

Warum lohnt es sich nicht nur für große, sondern auch für kleine und mittelständische Betriebe, die Lean-Philosophie zu etablieren?

Döppler: Die Lean-Philosophie ist prinzipiell völlig unabhängig von der Unternehmensgröße, nimmt man als einen Lean-Leitgedanken die Vermeidung von Verschwendung an, so wird sofort klar, dass es heute Verschwendung in allen Unternehmensgrößen gibt. Meines Erachtens haben kleinere und mittlere Unternehmen den unschätzbaren Vorteil, dass eingefahrene Strukturen und Entscheidungsprozesse viel schneller zu durchbrechen sind und somit die Einführung der Lean-Philosophie in kleineren und mittleren Unternehmensgrößen schneller und umfassender gelingen kann.

Was sind die aktuellen Trends im Bereich Lean Production?

Döppler: Aus meiner Sicht gilt es, hier vor allem drei Entwicklungen zu nennen, die wir in den letzten Jahren beobachten können: 1. Die Diskussion um die Fabrik 4.0, die teilweise sehr akademisch geführt wird und an einigen Stellen die Frage aufwirft „Lean oder Fabrik 4.0.?“ Für mich ist Fabrik 4.0. nur eine konsequente Fortführung des Lean-Gedankens mit anderen technischen Mitteln. 2. Der zweite Trend, der heute schon zu beobachten ist, ist die konsequente Ausweitung der Lean-Prinzipien auf den gesamten wertschöpfenden (End-to-End) Prozess – Vertrieb, Auftragsannahme, Logistik, Produktion, Auslieferung und damit die Einbindung aller Beteiligten wird den Lean-Gedanken zunehmend in die administrativen Bereiche und bis zum Lieferanten tragen müssen. 3. Insbesondere beim Coaching von Lean-Implementierungen stellen wir zunehmend fest, dass der Faktor Mensch eine immer größere Rolle spielen muss. Lean-Implementierung lediglich als Kopie von „Toyota-Methoden“ anzusehen, ist eher kontraproduktiv.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei der Etablierung von Lean Production und Lean Management im Unternehmen?

Döppler: Leider ist es bei der Etablierung von Lean-Prinzipien nicht damit getan, nur bestimmte Methoden – wie beispielsweise 5S – einzuführen. Lean ist ein umfassendes Managementkonzept und fordert ein Umdenken auf allen Ebenen eines Unternehmens. Die größte Herausforderung sind daher die menschliche Komponenten: Eingefahrene Wege/Prozesse zu verlassen, ein anderes Führungsverständnis zu etablieren, die Fähigkeit Probleme zu erkennen und zu kommunizieren, um sie dann grundsätzlich auszumerzen, fällt den meisten Unternehmen unglaublich schwer.

Gibt es andere erfolgreiche Beispiele als die der Automobilindustrie für eine erfolgreiche Umsetzung?

Döppler: Lean ist heute sicherlich zum „Flächenbrand“ geworden, es gibt fast keine Branche, die sich nicht systematisch mit der Vermeidung von Verschwendung auseinandersetzt, dennoch dürfte die Automobil- und Automobilzulieferindustrie immer noch einen Schritt voraus sein, nicht zuletzt deswegen, weil sich diese Branche schon länger mit den Lean-Prinzipien auseinandersetzt. Größere Schwierigkeiten habe ich mit der zweiten Komponente Ihrer Frage. Gegenfrage: Was ist eine erfolgreiche Lean-Umsetzung? Eine wirklich durchgängige Implementierung von Lean-Denkweisen – vom Vertrieb bis zum Versand und vom operativen Mitarbeiter bis zum Vorstand – also eine wirklicheLean Factory“, ist derzeit äußerst selten. Doch das Entscheidende ist nicht, ob eine Firma „fertig“ ist mit Lean und „Lean erfolgreich“ umgesetzt hat, sondern der entscheidende Punkt ist, dass eine Firma oder Institution sich auf den Lean-Weg begibt und lernt, einen eigenen hoffentlich verschwendungsfreieren Weg zu finden. Selbst Toyota würde heute vermutlich nicht von sich behaupten, Lean umgesetzt zu haben. 

Herr Döppler, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde ursprünglich auf leanmagazin.de veröffentlicht.