Henry L. Gantt: Ingenieur und Projektmanagement-Pionier

3. Mai 2017 item Redaktion

Wer sich mit Projektmanagement beschäftigt, kennt zweifelsohne das Gantt-Diagramm. Doch wer steckt dahinter?

Leider ist Henry L. Gantt (1861-1919) ein wenig in Vergessenheit geraten. Bei dem umtriebigen Maschinenbauer handelt es nämlich um weitaus mehr als den Namensgeber eines beliebten Planungswerkzeugs. Auch seine weiteren Überlegungen, etwa jene zur Wertschätzung des einzelnen Mitarbeiters, sind bemerkenswert. Im Folgenden sollen Gantt und seine Ideen daher genauer vorgestellt werden. Mit diesem Hintergrundwissen erscheint auch das oft genutzte Gantt-Diagramm in einem anderen Licht. 

Zielstrebiger Anfang 

Gantt wuchs hautsächlich in Baltimore auf und ließ bereits früh Fleiß und Durchsetzungsvermögen erkennen. So machte er seinen Schulabschluss an der McDonogh School, deren Abgänger traditionell beste Aussichten auf einen Platz an einer der Ivy-League-Hochschulen (wie Harvard, Princeton oder Yale) haben. Er entschied sich jedoch für die nahegelegene, ebenfalls angesehene Johns Hopkins University. Nach einem kurzen Intermezzo als Lehrer in seiner ehemaligen Schule zog es ihn zurück an die Universität: Das Stevens Institute of Technology in New Jersey verließ er mit einem Master-Abschluss in „Mechanical Engineering“. 

Im Jahr 1884 gelang dem nun 23-Jährigem mit einer Anstellung als technischer Zeichner in seiner Heimatstadt der eigentliche Einstieg ins Berufsleben. Bereits drei Jahre später arbeitete er bei Midvale Steel unter Frederick Winslow Taylor. Bei Taylor handelt es sich tatsächlich um den Namensgeber des Taylorismus, jener Methode, die zur Effektivitätssteigerung die Arbeit zentral steuert und in etliche kleine Arbeitsschritte zerlegt. Ihr exaktes Gegenbild ist übrigens die Lean Production, die später an die Stelle des Taylorismus rücken sollte. 

Gantt-Diagramm: Ein Klassiker des Projektmanagements 

Später erlangte Gantt durch seine Bücher „Work, Wages, and Profits: Their Influence on the Cost of Living” (1910), „Industrial Leadership” (1916) und „Organizing for Work” (1919) in Fachkreisen große Bekanntheit. Er fand viel Anerkennung als Berater in allgemeinen Management-Fragen und war während des Ersten Weltkriegs für die US-Regierung tätig. Kurz nach dessen Ende starb er im Jahre 1919. Durch die Erfindung des nach ihm benannten Gantt-Diagramms, das auf der Vorarbeit von Karol Adamiecki (1866-1933) aufbaut, ist Henry L. Gantt jedoch noch heute Bestandteil vieler Vorlesungen, Schulungen oder Projekte.

Der Vorteil des Gantt-Diagramms liegt in seiner intuitiven Verständlichkeit: Links werden untereinander verschiedene Arbeitspakete aufgelistet, während auf der rechten Seite korrespondierende Balken auf einer horizontalen Zeitleiste die Dauer der jeweiligen Aktivität visualisieren. Wenn sich etwa der Balken von Projektphase A nach der Hälfte mit dem Balken von Projektphase B überschneidet, heißt das: Sobald die Hälfte von Projektphase A vorbei ist, beginnt auch Projektphase B. Abhängigkeiten von Projektphasen können zudem mit Pfeilen anschaulich dargestellt werden. 

Das Erbe von Henry L. Gantt

Obwohl Gantt heute vor allem für diese zentrale Idee bekannt ist, sind viele seine weiteren Leistungen nicht minder fortschrittlich. So erfand er etwa das „Task and Bonus System“: Hierbei erhält der Werker neben seiner üblichen Bezahlung für die Erfüllung eines fest definierten, täglichen Arbeitspensums einen prozentualen Bonus. Je schneller er seine Arbeit erledigt, desto höher fällt seine zusätzliche Bonuszahlung aus. Strafen für langsamere Arbeit sind dabei ausdrücklich nicht vorgesehen. Gantt ging es darum, Menschen nicht unter Druck zu setzen, sondern sie zu motivieren. Später propagierte er die Idee, Vorgesetzte dafür zu belohnen, wenn ihre Mitarbeiter die festgelegten Ziele erreichen. Es sollte ein Anreiz geschaffen werden, um Mitarbeiter dazu zu bringen, ihre Kenntnisse weiterzugeben. 

Dadurch stieg die Rolle der Weiterbildung der Mitarbeiter. Gantt schwebte vor, das Zeitalter des „Zwangs“ durch eine Ära des „Wissens“ abzulösen – und war damit seiner Zeit durchaus voraus. Heutzutage ist es angesichts der Digitalisierung längst unumgänglich geworden, auf lebenslanges Lernen zu setzen. Auch die Betonung der sozialen Verantwortung von Unternehmen ist ein Thema, das Gantt bereits wichtig war und erst in den letzten Jahren wieder groß wurde. Dieses Denken lebt ausdrücklich weiter: Seit 1929 vergibt die American Society of Mechanical Engineers jährlich die „Henry Laurence Gantt Medal“. Prämiert werden nicht nur besondere Leistungen im Management-Bereich, sondern ebenso gesellschaftliches Engagement. Dadurch wird zwei maßgeblichen Aspekten von Gantts Werk – Effizienzsteigerung und Verantwortungsgefühl – bis heute Referenz erwiesen. 

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